Coubertins Vision steht auf dem Spiel – Japan und das Internationale Olympische Komitee


Akio Matsumura

Was bleibt von den Olympischen Spielen von Sotschi in Erinnerung? Die blendende, digital unterstütze Eröffnungszeremonie? Das faszinierende Eishockey? Ein erschütternder Skiunfall? Welche Augenblicke einem auch als Eindruck bleiben mögen – hunderte Millionen werden sich im Stolz auf „ihre“ Athleten, auf „ihr“ Land ihre ganz persönlichen Erinnerungen nach der gestrigen Schlusszeremonie bewahren. Zuerst einmal erwecken Olympische Spiele in uns eine Art von Nationalstolz, um uns dann in seinem internationalen Charakter zu verbinden.

Das Internationale Olympische Komitee, das alle olympischen Veranstaltungen im Blick haben muss, ist dafür verantwortlich, dass sich diese Art von Wunder alle zwei Jahre wiederholt. Ihre Aufgaben dabei sind recht eindeutig. Dazu gehört, „die Förderung der Ethik im Sport voranzutreiben und zu unterstützen...“ und „Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit der Athleten zu fördern und zu unterstützen.“ Pierre Coubertin, Vater der modernen Olympischen Spiele und ein angesehener Humanist, setzte sich dafür ein, dass Wettkampf und Bildung als Mittel zum Frieden dienen.

Das Wichtigste im Leben ist nicht der Sieg, sondern der Kampf; das Wesentliche im Leben ist nicht gesiegt, sondern gut gekämpft zu haben“ – Pierre Coubertin.

In den letzten Jahrzehnten haben die Spiele bis dahin unbekannte Höhe- und Tiefpunkte mit sich gebracht. Die Eröffnungszeremonie in Peking ist uns als Triumph in Erinnerung geblieben, die drei Bomben und die damit verbundenen Opfer bei den Spielen in Atlanta als Tragödie. Terrorismus verfolgt die Spiele schon seit längerem, aber seine Bedrohlichkeit scheint bei großen internationalen Ereignissen größer zu sein, besonders nach dem Boston Marathon 2013. In den letzten 13 Jahren haben nahezu alle Länder Anstrengungen zur Verringerung des Terror-Risikos unternommen und als Individuen sind wir uns der Gefahren mehr als je zuvor bewusst.

Als Gastgeber der Olympischen Spiele im Sommer 2020 in Tokio setzt sich Japan zusätzlichen Gefahren aus. Premierminister Abe hat dem früheren IOC Präsidenten Jacques Rogge und dem übrigen Olympischen Komitee versichert, dass Japan sicher sei. Die Spiele, sagte er, werden die Moral und die Wirtschaft wieder ankurbeln, die durch die am 11. März 2011 vom Erdbeben ausgelöste Atomkatastrophe in Fukushima einen Rückschlag erlitten hätten.

Ich stimme damit überein, dass dieses Ereignis Hoffnung und Geld in eine sich erholende Nation bringen wird, darüber hinaus wird aber auch die Aufmerksamkeit auf eine Gegend gerichtet, die südlich und nicht weit entfernt  von der Präfektur Fukushima liegt, und es werden die weltbesten Athleten dorthin kommen – in ein Gebiet, das immer noch mit der Strahlenbelastung und der Sicherung des Atommülls nach dem Unfall zu kämpfen hat. Der Fortschritt bei der Überwindung der atomaren Katastrophe und ihre möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit unserer Athleten muss dem Internationalen Olympischen Komitee ein vorrangiges Anliegen sein.

Das Risikos eines terroristischen Gewaltaktes und das Risiko eines Atomunfalls samt Strahlenbelastung sind zwei paar Schuhe und das IOC muss diese Risiken unabhängig voneinander betrachten. Aber sie müssen unter die Lupe genommen werden. Um an dieser Sache fundiert weiterarbeiten zu können, habe ich die Meinung mehrerer Experten aus unterschiedlichen Sachgebieten eingeholt:

 

Scott Jones, Ph.D., ist pensionierter Marineoffizier. Er wurde als Pilot für atomare Waffentransporte ausgebildet und diente im Korea- und Vietnamkrieg:

„Im Gegensatz zu einer wahrnehmbaren militärischen Vorbereitung bleibt die Sinneswahrnehmung bei einer geruchlosen und unsichtbaren Strahlung aus. Vorbereitungen auf einen Kampfeinsatz sind bedrohlich realistisch, zahlen sich aber aus, wenn der Gegner eingebunden und die Todesgefahr hautnah ist. Sich auf die Bedrohung durch nukleare Strahlung vorzubereiten, die von einem hunderte von Kilometern entfernt gelegenen und zerstörten Reaktor kommt, ist eine reine Sache für die Vorstellung. Das ist eine wichtige psychologische Herausforderung, die nur mit wissenschaftlichem und medizinischem Wissen über die Strahlenfolgen beantwortet werden kann, es braucht das Vertrauen in die Sofortmaßnahmen der verantwortlichen Behörden, die Bekanntgabe von Strahlenwerten und die Umsetzung der vorbereiteten Evakuierungspläne. Wenn solche Pläne nicht vorliegen und öffentlich bekannt sind, dann fehlt eine wesentliche Voraussetzung für das Vertrauen.“ 

Dr. Helen Caldicott ist Kinderärztin und Spezialistin für zystische Fibrosen und Gründungsvorsitzende der Ärzte in Sozialer Verantwortung, die als Teil einer größeren Organisation 1985 den Nobelpreis bekommen haben. Anfang 2014 schickte sie einen Brief an IOC Präsident Thomas Bach und an die Vorstandsmitglieder, in dem sie diese aufforderte, ein unabhängiges Team biomedizinischer Wissenschaftler zu bilden, die das Risiko untersuchen sollen:

„Teile von Tokio selbst sind durch den Fallout in Folge der Katastrophe in Fukushima Daiichi vor drei Jahren radioaktiv verseucht worden. Zufällige Stichproben in Wohnungen, von Moos auf Dächern und von Material auf den Straßen wurden auf verschiedene radioaktive Elemente hin getestet und haben sich als sehr radioaktiv erwiesen. Das bedeutet, dass die Athleten sich dem Einatmen und der Aufnahme von radioaktivem Staub nicht entziehen können, der Alpha-, Beta- und/oder Gammastrahlen abgibt. Ebenso werden sie Gammastrahlen (ähnlich Röntgenstrahlen) ausgesetzt sein, die von der Strahlung in der Erde und auf den Straßen ausgehen.
Viele Lebensmittel, die in Tokio verkauft werden, sind mit radioaktiven Schadstoffen kontaminiert, weil sie mit Unterstützung der japanischen Regierung in der Präfektur Fukushima produziert wurden. Radioaktive Bestandteile in Lebensmittel zu schmecken oder zu riechen ist unmöglich und die Untersuchung eines jeden Stücks, das konsumiert werden soll, ist praktisch nicht durchführbar.“

Gordon Edwards, Ph.D., ist Präsident der Kanadischen Koalition für Nukleare Verantwortung (CCNR) und Preisträger des Nuclear-Free Future Award 2006:

„Im Fall der radioaktiven Kontamination durch die Fukushima Katastrophe haben wir die Situation, dass sie weder politisch motiviert ist noch von Bösewichten mit einem bestimmten Ziel erzeugt wurde. Und sie ist nicht nur eine Bedrohung, die mal stattfindet und mal nicht – sie ist eine reale Gefahr, die bereits existiert und die von Niemandem aufgehalten werden kann. Es ist eine unhygienische Situation, die jeden trifft, der irgendwie damit zu tun hat. Dieses Risiko „heldenhaft“ zu missachten, dient in keiner Weise dem Ziel, in Zukunft atomare Katastrophen zu verhindern. Sich selbst und seine Familie radioaktiver Verseuchung auszusetzen, wenn es eigentlich vermeidbar wäre, hat weniger mit Mut als mit Dummheit zu tun.
Es stellt sich die grundlegende Frage: Wie kann es überhaupt möglich sein, dass daran gedacht wird, eine Sport-Veranstaltung in einer Gegend abzuhalten, die bekanntermaßen mit vom Menschen erzeugten Karzinogenen verseucht ist? Würden die Organisatoren Olympische Spiele in einer Gegend veranstalten, die für einen hohen Anteil an Asbestfasern in der Luft bekannt ist? Welche Gründe stecken da dahinter? Und sollte wirklich ein guter Grund dafür sprechen, dann müssen noch Risiko und Nutzen abgewogen werden. Gibt es aber keinen guten Grund, dann besteht nur ein erhöhtes Risiko ohne jeden Nutzen.“

Steven Starr ist Direktor des Clinical Laboratory Science Program an der Universität von Missouri und ehemaliges Mitglied der Ärzte in Sozialer Verantwortung:

„Tokio wurde durch die radioaktiven Winde, die nach der dreifachen Kernschmelze in Fukushima Daiichi über das japanische Festland wehten, erheblich verstrahlt. Der Boden und das Land in und um Tokio weisen bedeutende Mengen an Radioaktivität auf. Strahlung ist unsichtbar und die schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit tauchen erst Jahre nach der Bestrahlung auf. Deshalb ist es unmöglich festzustellen, ob eine später auftretende Leukämie oder ein später auftauchender Krebs von der Strahlenbelastung in Fukushima verursacht worden sind, wenn die Spiele schon längst Vergangenheit sind. Weil Strahlung nicht wahrnehmbar ist, kann leicht so getan werden, als ob sie nicht da und unbedeutend sei. Das ist es, was die japanische Regierung derzeit gemeinsam mit der Atomindustrie betreibt. Sie erzählen einem, dass Atomkraft „sicher“ und „sauber“ sei – ungeachtet der unbewohnbaren, weil verstrahlten Sperrzonen und ungeachtet der 140.000 japanischen Atomflüchtlinge, die ihre Häuser verloren haben.“

Steve Evans ist Vorstand des Therapeutics Research Institute, einem Zentrum, das sich vorwiegend der Patientenbetreuung widmet:

„Auf Flughäfen, bei Großveranstaltungen usw. werden Sicherheitsdienste angeheuert, um die Gefahr eines Terrorangriffs auf ein sehr niedriges und annehmbares Risiko herunter zu bringen. In scharfem Gegensatz dazu gleicht Fukushima einer offenen Veranstaltung, über die wir absolut keine Kontrolle haben. Fukushima ist ein Fall, der ein ganz und gar nicht handhabbares Risiko darstellt. Wir dürfen bei handhabbaren Risiken nicht aufgeben, wenn der Wille vorhanden ist, genügend Geld und Energie in die Bearbeitung zu stecken. Diese Strategie hat keine Analogie zu nicht handhabbaren Risiken – und wenn diese nicht handhabbaren Risiken auch noch das Potential einer großen Katastrophe in sich tragen, wären wir Dummköpfe, wenn wir diese Risiken in Kauf nehmen.“

Das Internationale Olympische Komitee steht unter dem Druck Japans und anderer Länder mit Atomenergieprogrammen, die anhaltenden Probleme in Fukushima und deren Bedeutung für die Spiele im Jahr 2020 zu ignorieren. Diesen Aspekt der Spiele in Tokio beiseite zu schieben heißt: Nicht nur die Gesundheit der Athleten, sondern auch die Idee Coubertins zu missachten, die die Olympischen Spiele zu einem so erfolgreichen und begeisternden Ereignis gemacht hat, wie wir es gerade in Sotchi erleben durfte. Wir hoffen, dass das auch in Zukunft so möglich sein wird.

In Demokratien gibt es keine absolute Macht. Es ist wie beim Spiel Schere, Stein, Papier, wo es keine absolute Macht unter den drei regierenden Parteien gibt. Das Resultat hängt immer von der gegnerischen Taktik ab. Es ist von größter Wichtigkeit, dass das IOC in den noch verbleibenden sechs Jahren vor 2020 ein unabhängiges Untersuchungsteam biomedizinischer Wissenschaftler nach Tokio schickt.

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