Wiederaufarbeitung ist nutzlos: und eröffnet den Weg in ein sinnloses Risiko


 

Chris Cote, 2. Oktober 2013

 

Eine Einleitung von Akio Matsumura

Ich habe mich entschlossen, all meine Zeit der Diskussion über die Katastrophe von Fukushima und den dortigen Aufräumarbeiten zu widmen – aus dem einfachen Grund: Unfälle in Atomkraftwerken können unser Land und unsere Gesellschaft auf 10.000e Jahre verändern. Wir haben in den letzten Jahrhunderten große Konflikte erlebt, selbst im Falle des 2. Weltkriegs, in dem 60 Millionen Menschen umgekommen sind, haben sich unsere Gesellschaften als belastbar erwiesen und haben sich nach einigen Jahrzehnten erholt, auch wenn sie auf Dauer verändert waren. Mit dem Brand in einem Abklingbecken würden wir in eine noch nie erlebte Katastrophe schlittern.

Die Arbeit von Frank von Hippel – Professor an der Princeton Universität und Mitbegründer des „Internationalen Forums Spaltmaterial“ – hat meine Aufmerksamkeit auf das Thema „Wiederaufarbeitung“, einen weiteren Aspekt der Atomtechnologie, der voller Risiken ist, gelenkt. Chris Cote, Redakteur und Mitarbeiter in diesem Blog, fasst einen kürzlich erschienenen Bericht von Frank von Hippel und Masafumi Takubo zusammen und beschreibt, warum diese Technologie so gefährlich ist und den Weg in eine neue Gefahr eröffnet: der Herstellung von Plutonium, dem Stoff für Atomwaffen. Ich möchte mich bei Dr. Hippel für seine Hilfe bedanken, die darin bestand, dass er diese Zusammenfassung vor der Veröffentlichung noch einmal durchgearbeitet hat.

 Wiederaufarbeitung ist nutzlos:

und eröffnet den Weg in ein sinnloses Risiko   

Japans weiteres Atomprogramm

Radioaktiv verseuchtes Wasser fließt weiter aus Fukushima Daiichi in den Pazifischen Ozean, drei Reaktoren bleiben radioaktiv und unzugänglich und ein vierter, der voll mit abgebrannten Brennelementen ist, droht unter seinem eigenen Gewicht zu kollabieren. Mitten in diesem Chaos hat die Regierung von Premierminister Shinzo Abe die Aufmerksamkeit von den Aufräumarbeiten abgezogen und plant nun die Ausweitung der japanischen nuklearen Kapazitäten, indem sie die WiederAufarbeitungsAnlage [WAA] Rokkasho wieder in Betrieb nehmen will, die sich etwa 435 km nördlich der Atomanlage Fukushima befindet.

Usine de retraitement de Rokkasho

Wie von zwei Mitarbeitern des Internationalen Forums Spaltmaterial jüngst in einem Bericht in Asahi Shimbun beschrieben, haben Japans Beweggründe für die Fortführung der WiederAufarbeitung (entgegen dem Drängen der Vereinigten Staaten) vermutlich weniger mit einer klaren Zielsetzung zu tun als damit, dass Japan weiterhin in einem verwirrenden politischem Netzwerk festsitzt, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Eine Politik zu verfolgen, die nicht nur unfähig ist, die offen daliegenden Probleme zu lösen, sondern noch dazu zum Besitz von Atomwaffen-Material führen soll, nur weil die Regierung zu einer Alternative unfähig ist – eine solche Politik ist unverantwortlich. Und jetzt wird auf einmal von einer machbaren Alternative gesprochen.

In Setzen wir der Plutonium-Gewinnung ein Ende: Eine alternative Vorgehensweise, um Japans abgebrannte Brennelemente in den Griff zu bekommen zeigen Masafumi Takubo und Frank von Hippel, wie öffentliche Unternehmen, lokale Verwaltungen und wichtige Bundesbehörden in einem undurchschaubaren Gewirr von politischen Netzwerken gefangen sind und Japan zur WiederAufarbeitung zwingen wie etwa durch die Entsorgungspolitik für abgebrannten Brennstoff – abgesehen davon, dass diese Politik unproduktiv, kostenintensiv, grundsätzlich gefährlich ist und das internationale Abkommen zur Nicht-Weiterverbreitung von nuklearem Material aushöhlt. Im Bericht wird beschrieben, dass eine einzige Maßnahme, nämlich die Verwendung von luftgekühlten Trockenbehältern, für Japan die bessere Alternative wäre als die WiederAufarbeitung, die jene Menge an Müll produzieren würde, die eigentlich entsorgt werden sollte.

Was soll also in der WiederAufarbeitungsAnlage Rokkasho geschehen? Wenn sie wie geplant in den nächsten Monaten in Betrieb geht – mit 16 Jahren Verzögerung –, dann werden in der Anlage abgebrannte Brennelemente verarbeitet und es wird Plutonium herausgefiltert, das dadurch entstanden ist, dass das ursprüngliche Uran im Reaktor mit Neutronen bestrahlt worden ist.

Plutonium ist ein Atomwaffen-fähiges Material und dieses herauszufiltern macht wirtschaftlich keinen Sinn. Im Abbrand ist es so gut wie unerreichbar, herausgefiltertes Plutonium hingegen ist ein attraktives Ziel für Möchte-Gern-Nuklear-Terroristen. Die 8 Tonnen, die Japan jährlich zu gewinnen plant, würde ausreichen, um 1.000 Nagasaki-Bomben herzustellen.“ (aus: Setzen wir der Plutonium-Gewinnung ein Ende – lesen sie hier den ganzen Bericht)

Wofür wird Plutonium verwendet? Die WiederAufarbeitungs-Technologie hat, seit es sie gibt, einen mehrfachen Zweck. Die WiederAufarbeitung wurde ursprünglich dafür verwendet, das für Atomwaffen benötigte Plutonium herauszufiltern. (Plutonium muss nicht in so hohem Maße angereichert werden wie 235Uran, dem ursprünglichen Stoff in einem Atomreaktor, und sehr kleine Mengen in einer Bombe können katastrophale Zerstörungen anrichten.) Verschiedene Staaten schlugen nach dem 2. Weltkrieg den Weg in Richtung Atomwaffen ein und heute gibt es weltweit große Bestände an extrahiertem Plutonium, vor allem in den Vereinigten Staaten und in Russland. Japan besitzt 44 Tonnen, eine nicht unbedeutende Menge.

In den späten 1960er-Jahren dachte man, die Uranreserven seien gering, und deshalb wurde nach einer alternativen nuklearen Energiequelle gesucht. [Schnelle] Brüter [Brutreaktoren mit „schnell moderierten Neutronen“, AdÜ] wurden entwickelt, die deshalb so heißen, weil sie mehr Plutonium erzeugen als verbrauchen sollen. Wissenschaftler und Politiker dachten, sie hätten eine billige Energiequelle für die Ewigkeit gefunden. Aber diese Brüter-Technologie erwies sich als unbrauchbar und – ohne große öffentliche Subventionen – als zu teuer. Als die WiederAufarbeitung teuer wurde, fiel sie bei der Politik in Ungnade. Im Jahr 1977 gab der US-amerikanische Präsident Jimmy Carter bekannt, die Vereinigten Staaten würden im Rahmen ihrer Anstrengungen bei der Non-Proliferation [Nicht-Weiterverbreitung von nuklearem Material] die kommerzielle WiederAufarbeitung nicht länger verfolgen (um vor allem Länder wie Südkorea davon abzuhalten). Nach dem Scheitern der kommerziellen Schnellen Brüter beschlossen die Länder, das Plutonium in Mixed Oxid (MOX)-Brennstäben für herkömmliche Reaktoren zu verwenden, was die Rohstoffsituation aber nur wenig verbesserte.

 

Für keinen guten Zweck

Die WiederAufarbeitungs-Programme waren – von den ersten Tagen dieser Technologie an – nie wirtschaftlich, aber die Politik in den jeweiligen Staaten beharrte darauf und es wurde behauptet, WiederAufarbeitung diene der Atommüll-Entsorgung und sei für immer von Bedeutung. Japans Begründung für sein WiederAufarbeitung-Programm scheint sich in diesen Bahnen zu bewegen. Japan will augenscheinlich mehr Plutonium produzieren, ein Material, das es bereits zur Genüge besitzt und für das es keine Verwendung hat. Japan hat wie andere Länder keine Schnellen Brutreaktoren und der Einsatz von Plutonium in MOX-Brennelementen provozierte bereits großen öffentlichen Widerstand. Japan wäre der einzige atomwaffenfreie Staat, der WiederAufarbeitung betreibt, andererseits hat es den Nuklearen Nicht-Weiterverbreitungs-Vertrag unterzeichnet und plant nicht Atomwaffen herzustellen. Und selbst wenn es einen unmittelbaren Bedarf an Plutonium hätte – Japan besitzt ja bereits 44 Tonnen. Takubo und von Hippel rechnen vor, dass diese 44 Tonnen für den Bau von mehr als 5.000 Nagasakibomben ausreichen würden.

 

Japans Plutonium-Bestände (Takubo und von Hippel, 2013, S. 8)

Japans Plutonium-Bestände (Takubo und von Hippel, 2013, S. 8)

Dafür, dass die WiederAufarbeitung ein nutzloses Vorhaben ist, hat sie dennoch mehrere gravierende und nicht von der Hand zu weisende Folgen für Japan:

  1. WiederAufarbeitung ist teuer. Nach Takubo und von Hippel wird Rokkasho die japanischen Steuerzahler in seiner ganzen Laufzeit 8 Trillionen Yen mehr kosten als die Lagerung der Brennelemente in Trockenbehältern [Castoren] kosten würde.
  2. Sie ermöglicht es der Regierung, die Einrichtung einer wirkungsvollen Atommüll-Entsorgungs-Politik hinauszuschieben (kurzfristig, aber auch langfristig). Abgebrannte Brennelemente stapeln sich mittlerweile in ganz Japan, sowohl in Rokkasho, wo sich während seines Stillstands 3.000 Tonnen abgebrannter Brennelemente für die WiederAufarbeitung angesammelt haben, als auch in all den anderen Atomanlagen, von denen einige in weniger als 10 Jahren ihre Kapazitätsgrenzen erreichen werden, sollte Japans Atomkraftwerke wieder anlaufen. Sollte in Rokkasho wirklich wieder die WiederAufarbeitung beginnen – diese Anlage würde neue Müllberge erzeugen, was in Widerspruch zu ihrem Zweck als Entsorgungs-Einrichtung steht.
  3. Der Betrieb einer WiederAufarbeitungsAnlage hat unmittelbare Folgen für den Menschen und die Wasser-Ressourcen, wie es jene Atomkatastrophe beweist, an der die Russen in der Umgebung von Majak leiden, und wie es auch die erhöhte Strahlung in der Nordsee zeigt, die durch die Abwässer der französischen WiederAufarbeitungsAnlage in La Hague verursacht wird.
  4. Der Neustart der WAA Rokkasho droht das Nicht-Weiterverbreitungs-Abkommen auszuhebeln. Andere Länder könnten das Wiederanlaufen von Rokkasho als Startsignal für ihre eigenen WiederAufarbeitungs-Programme interpretieren. Die großen Plutonium-Bestände, die bei einer raschen Steigerung der WiederAufarbeitung entstehen würden – vor allem in Ländern, die diese Technologie das erste Mal entwickeln –, würden zu bevorzugten Zielen für Terroristen. Besonders Südkorea hat – sei es aus diesem oder aus einem anderen Grund – auf Japan verwiesen, wenn es darum geht, mit der Gewinnung von Plutonium zu beginnen, so wie auch Nordkorea weiterhin mit seinen (Atom)-Säbeln rasselt.

 

Ein unnötiges Risiko

Die Nutzung der Atomtechnologie zwingt uns, mit zwei schwerwiegenden Gefahren zu leben: Einer Atomkatastrophe in einem AKW, wobei der schlimmste anzunehmende Fall ein nicht zu stoppender Brand im Abklingbecken ist, und zweitens der Gebrauch von Atomwaffen – hier wäre der schlimmste anzunehmende Fall der weltweite Einsatz des vorhandenen atomaren Arsenals.

Die WiederAufarbeitung ist die Brücke zwischen Atomkraftwerk und Atomwaffe. Fukushima hat uns auf die unvorstellbaren und verdrängten Gefahren der Atomkraftwerke hingewiesen. Japan hat bereits seine Erfahrung mit jener Vernichtungskraft, die von Atomwaffen ausgeht. Anstatt in einer Politik, die in den 1960er-Jahren populär war, hängen zu bleiben, braucht Japan eine Neuausrichtung seiner Politik, nämlich weg von der WiederAufarbeitung hin zu effektiver Lagerung von Brennelementen.

Erfreulicherweise schlagen Takubo und von Hippel den politischen Entscheidungsträgern in Japan eine Alternative zu Rokkasho vor. Japan wird sein Ansehen nicht verlieren, wenn die Zentralregierung Rokkasho aus den oben genannten Gründen zur Fehleinschätzung erklärt, sich aus dem politischen Netzwerk befreit, in dem alle Beteiligten gefangen sind, und politisch, wirtschaftlich und ökologisch verantwortbare Rahmenbedingungen für eine sichere Zwischenlagerung der abgebrannten Brennelemente setzt, sodass Japan die Zeit hat, sich – wie all die anderen Länder mit Atomkraftwerken – um eine langfristige Lösung kümmern zu können.

Originalquelle:  http://akiomatsumura.com/2013/10/needless-nuclear-reprocessing-the-bridge-to-unnecessary-risk.html

Übersetzung, Lektorat: www.afaz.at (ho,lg)

Dieses Schriftstücks steht unter GFDL, siehe www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html. Vervielfältigung und Verbreitung – auch in geänderter Form – sind jederzeit gestattet, Änderungen müssen mitgeteilt werden (email: afaz@gmx.at). www.afaz.at Oktober 2013 /v1

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