Kontrollverlust – Unser schwindender Einfluss auf die Nukleare Sicherheit


Beim Thema „Nukleare Sicherheit“ kommen uns meistens der Iran und Nordkorea in den Sinn. Während diese derzeit als Bedrohung der globalen Sicherheit gelten, besitzen etliche, allerdings wenig beachtete Facetten der Atomenergie (Atommüll, Wiederverarbeitung, neue Atomkraftwerke in Entwicklungsländern) das Potential, zu globalen Krisen auszuwachsen, wenn diese nicht umgehend von Führungskräften militärischer oder ziviler Natur in Angriff genommen werden.

 

IAEO Generaldirektor Yukiya Amano bei der Nuklearen Sicherheitskonferenz der IAEO im Juli 2013

IAEO Generaldirektor Yukiya Amano bei der Nuklearen Sicherheitskonferenz der IAEO im Juli 2013

Anfang Juli ging – wie Jonathan Tirone auf Bloomberg berichtet – unter der Führung der IAEO (Internationale Atomenergie Kommission) eine einwöchige Ministerkonferenz zu Nuklearer Sicherheit zu Ende, bei der die Analysten zum Schluss gekommen sind, dass „das japanische Atomkraftwerk Fukushima, das durch die Kernschmelzen von 2011 160.000 Menschen in die Flucht getrieben hat, Terroristen als Vorbild für Massenvertreibungen dienen könnte“.

Die Atomindustrie expandiert weltweit. Etwa 100 neue Reaktoren sollen in den kommenden Jahren gebaut werden, sodass es auf der Erde dann an die 600 Reaktoren geben soll. Diese Weiterverbreitung der Atomtechnologie wird das Gleichgewicht zum Kippen bringen, so dass die Sicherheitsrisiken die Vorteile überwiegen und die Menschen weltweit in Gefahr bringen werden.

 

Die Chance auf das große Geschäft – durch den Bau von Atomanlagen – und das Ansehen, das durch die Atomstromerzeugung steigt, veranlasst Unternehmen und Staaten, über mögliche Katastrophen und über die Risiken der Proliferation [Weiterverbreitung] hinwegzusehen.

Viele dieser neuen Anlagen werden sich in Entwicklungsländern befinden – erstmals kommt die Atomkraft damit in die Hand relativ instabiler Regierungen mit unklaren Sicherheitsstandards und einem höheren Anteil an ungelernten Arbeitskräften. Industriestaaten – mit strengen Vorschriften, guten Ausbildungsmaßnahmen, kompetenten Ingenieuren, Managern und Wissenschaftlern – haben etliche Male bewiesen, dass ihre Anlagen anfällig sind für menschliches Versagen oder Naturnaturkatastrophen. Mit anderen Worten – wie sehr können wir Katastrophenhilfeteams in Entwicklungsländern vertrauen?

Die Gefahren, die damit zusammenhängen, dass sich mehr spaltbares Material in weniger vertrauenswürdigen Händen befindet, sind offensichtlich. Unter schwächeren Regierungen können Terroristen das Material leichter erwerben, dessen größere Verfügbarkeit unvermeidlich zu weniger Kontrolle führen wird. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es in falsche Hände gerät. Atomkraftwerke selbst sind ein erstklassiges Ziel für Terroristen. Wenn sich mehr Anlagen unter weniger Kontrolle befinden, wächst die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags.

Alle diese Risiken werden in einer Regierung sicher ausführlich besprochen; sie sind eindeutige Gefahren und Teil der traditionellen Auseinandersetzung rund um die Proliferation.

Das größte Sicherheitsrisiko, das ich sehe und das sich mit der Inbetriebnahme jeder neuen Anlagen nur vervielfachen kann, liegt in den Brennelementen. Seit den Anfängen der Atomkraft waren die Regierungen mit der schwierigen Frage rund um den Atommüll konfrontiert: niemand kann eine politische und umweltgerechte Lösung für die Entsorgung des hochradioaktiven Materials anbieten, das bei der Energieerzeugung anfällt. In den Vereinigten Staaten lagert das hochradioaktive Material in den Abklingbecken der Anlagen oder in externen Lagerstätten. Dass diese Becken noch kein Angriffsziel für Terroristen waren, bleibt ein Rätsel.

Die Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennelementen, die Japan wieder aufnehmen zu können hofft, löst das Problem nicht. Sie vergrößert nur die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags oder den Diebstahl von radioaktivem Material, das mit Schiffen zwischen den Ländern transportiert wird (ein Großteil von Japans radioaktivem Material liegt zur Wiederaufbereitung in Europa). Außerdem wird neues Plutonium erzeugt.

Das Beste für die Müllentsorgung wäre die Lagerung in trockenen Castoren oder die Lagerung tief in der Erde. Das Vergraben des Atommülls ist ein kurzfristig angelegtes politisches Manöver, das Übertragen des Problems auf zukünftige Generationen ist hochgradig unverantwortlich und stellt keine wirkliche Lösung dar. Noch einmal: Wenn sogar die Vereinten Staaten und Europa mit der Endlager-Problematik nicht zurecht kommen, wie sollen dann die in den Anfängen steckenden Demokratien der Entwicklungsländer in der Lage sein, das besser zu machen?

Es gibt noch eine gewisse Ehrfurcht und Geheimniskrämerei, die die wahren Auswirkungen der Atomenergie verschleiern, und die Überzeugung, dass sich kurzfristige ökonomische und energiepolitische Interessen rentieren. Die Hauptlehre, die ich aus dem Unfall in Fukushima gezogen habe, ist die lang anhaltende Wirkung unserer momentanen Entscheidungen. Jeder atomare Unfall, ob durch menschliches Versagen, durch eine Naturkatastrophe oder durch einen Terrorakt, wird uns mit Strahlung und Gesundheitsrisiken zurück lassen, die mindestens ein paar Jahrhunderte andauern werden. Das Atomenergie-Dilemma, das wir uns in den letzten 70 Jahren aufgehalst haben, wird die Menschheit über hunderte Generationen verfolgen.

Wann werden sich die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft die Unumkehrbarkeit unseres Handelns und unserer Fehler eingestehen? Offen gesagt – wir haben die Belange der Atomenergie bereits außer Kontrolle geraten lassen.

Warum haben führende Politiker dieser Welt diese einfache Frage noch nicht gestellt?

In einem demokratischen System sollten militärische Befehlshaber unabhängig von den kurzfristigen Ansichten politischer Parteien oder kurzfristigen wirtschaftlichen oder energiepolitischen Interessen sein, ihr Augenmerk sollte auf nationale und internationaler Sicherheit gerichtet sein. Als militärischer Befehlshaber ist der General stets ein Seiltänzer, der entweder als Gewinner oder Verlierer dasteht und in Krieg und Frieden vorangeht. Sie tragen das Schicksal ihrer Nation auf ihren Schultern. Die Zeit ist gekommen, in der militärische Führungskräfte auf die Langzeitfolgen unserer momentanen Entscheidungen achten sollten.

Sir Brian Flowers, ein prominenter britischer Atomphysiker, hat darauf hingewiesen, dass – hätte man vor dem 2. Weltkrieg in Europa Atomkraftwerke gebaut und in Betrieb genommen – heutzutage weite Teile Europas bei herkömmlicher Kriegsführung und herkömmlicher Sabotage gegen Atomanlagen unbewohnbar wären.

Eine zerstörte Energieversorgung der Anlage, sei es durch einen Terroranschlag, eine Naturkatastrophe oder durch menschliches Versagen, würde zum gleichen Ergebnis führen.

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